Selbsterkenntnis
Selbsterkenntnis: Wege, Möglichkeiten und Grenzen
"Gnothi seauton" lautete eine Inschrift am Apollontempel in Delphi. Sie wird dem Weisen Chilon zugeschrieben und bedeutet "Erkenne dich selbst!"
Selbsterkenntnis gehört zu den großen Themen der Menschheitsgeschichte. Sie meint den Versuch, sich selbst genauer zu verstehen: die eigenen Gedanken, Gefühle, Motive, Werte, Gewohnheiten, Stärken, Schwächen und inneren Widersprüche. Wer sich selbst erkennt, sieht klarer, warum bestimmte Entscheidungen getroffen werden, warum manche Situationen immer wieder ähnlich verlaufen und welche Bedürfnisse oder Ängste das eigene Verhalten prägen.
Dabei ist Selbsterkenntnis kein einmaliger Augenblick, sondern ein fortlaufender Prozess. Sie entsteht durch Beobachtung, Reflexion, Erfahrung, Austausch und manchmal auch durch Krisen. Oft beginnt sie mit einfachen Fragen: Was treibt mich an? Was vermeide ich? Welche Muster wiederholen sich in meinem Leben? Was ist mir wirklich wichtig? Und wo handle ich vielleicht gegen meine eigenen Werte?
Selbsterkenntnis kann befreiend wirken. Sie kann helfen, bewusster zu leben, bessere Entscheidungen zu treffen, Beziehungen ehrlicher zu gestalten und mit inneren Konflikten klarer umzugehen. Gleichzeitig ist sie anspruchsvoll. Denn wer sich selbst begegnet, stößt nicht nur auf angenehme Seiten, sondern auch auf blinde Flecken, Selbsttäuschungen, Unsicherheiten und ungelöste Themen.
Um zu reifen und zu begreifen, ist es wichtig sich selbst mit seinen Stärken und Schwächen, seinen Verletzlichkeiten, Ängsten ... zu kennen. Wer sich als Persönlichkeit weiterentwickeln will, dem empfehlen wir etwas mehr über sich zu lernen und zu erfahren. Dunkle Ecken auszuleuchten und blinde Flecken zu verkleinern.
Blinde Flecken sind falsche Annahmen, die wir über uns haben und Aspekte, die wir von uns nicht wissen. Wer weniger angreifbar sein will, weil er seine Schwächen und Empfindlichkeiten kennt und wer selbstbewusster werden möchte, weil er seine Stärken, Erfolge und Glaubenssätze weiß, der muss sich auf eine Reise begeben. Auf eine Reise, die nicht nur an schönen und hellen Orten vorbeiführt. Auf eine Reise, die aber die wichtigste in unserem Leben werden kann.
Kurz zusammengefasst
Details und Erläuterungen zu allen Punkten im weiteren Artikel.
Was bedeutet Selbsterkenntnis?
Selbsterkenntnis bedeutet nicht, eine endgültige Definition der eigenen Persönlichkeit zu finden. Der Mensch ist wandelbar, vielschichtig und von Lebensumständen geprägt. Selbsterkenntnis heißt daher eher, die eigenen inneren Prozesse besser wahrzunehmen und ein realistischeres Bild von sich selbst zu entwickeln.
Dazu gehören verschiedene Ebenen:
Gedanken: Welche Überzeugungen bestimmen das eigene Handeln? Welche inneren Sätze tauchen immer wieder auf?
Gefühle: Welche Emotionen treten häufig auf? Welche Gefühle werden zugelassen, welche eher verdrängt?
Körper: Wie zeigen sich Stress, Freude, Angst oder Anspannung körperlich?
Verhalten: Welche Muster wiederholen sich in Beziehungen, Arbeit, Konflikten oder Entscheidungen?
Werte: Was ist wirklich bedeutsam? Welche Lebensrichtung fühlt sich stimmig an?
Schattenseiten: Welche Eigenschaften werden an anderen stark kritisiert, könnten aber auch mit eigenen verdrängten Anteilen zu tun haben?
Selbsterkenntnis ist damit mehr als Nachdenken über sich selbst. Sie verbindet Denken, Fühlen, Körperwahrnehmung, Handeln und Beziehungserfahrung.
Gängige Wege und Techniken der Selbsterkenntnis
Es gibt viele Möglichkeiten, Selbsterkenntnis zu fördern. Nicht jede Methode passt zu jedem Menschen, und oft entsteht die größte Wirkung durch eine Kombination verschiedener Ansätze.
1. Selbstbeobachtung
Selbstbeobachtung ist eine der grundlegenden Methoden. Dabei wird das eigene Erleben bewusst wahrgenommen, ohne es sofort zu bewerten. Du kannst zum Beispiel beobachten, wie du auf Kritik reagierst, wann du dich zurückziehst, welche Situationen dich verunsichern oder welche Menschen bestimmte Gefühle in dir auslösen.
Wichtig ist dabei eine Haltung der Neugier. Selbstbeobachtung ist nicht Selbstverurteilung. Sie fragt nicht: „Was stimmt nicht mit mir?“, sondern eher: „Was geschieht gerade in mir?“
2. Tagebuch und schriftliche Reflexion
Schreiben kann helfen, innere Vorgänge sichtbar zu machen. Gedanken, die im Kopf diffus bleiben, werden auf dem Papier klarer. Besonders hilfreich sind Fragen wie:
Was hat mich heute bewegt?
Welche Situation hat mich besonders beschäftigt?
Was habe ich gefühlt, aber nicht ausgesprochen?
Wofür bin ich dankbar?
Was habe ich über mich gelernt?
Welche Entscheidung fühlt sich stimmig an, welche nicht?
Regelmäßiges Schreiben zeigt oft Muster, die im Alltag leicht übersehen werden.
3. Meditation und Achtsamkeit
Meditation und Achtsamkeit fördern die Fähigkeit, Gedanken und Gefühle zu beobachten, ohne sich vollständig mit ihnen zu identifizieren. Dabei zeigt sich: Gedanken kommen und gehen, Gefühle verändern sich, Impulse entstehen und verschwinden wieder.
Diese Distanz kann sehr hilfreich sein. Du erkennst, dass nicht jeder Gedanke wahr sein muss und nicht jeder Impuls sofort Handlung verlangt. Achtsamkeit kann dadurch zu mehr innerer Freiheit führen.
4. Körperwahrnehmung
Der Körper zeigt häufig früher als der Verstand, was innerlich geschieht. Anspannung im Bauch, Druck in der Brust, flacher Atem oder Müdigkeit können Hinweise auf Stress, Angst, Überforderung oder unterdrückte Gefühle sein.
Methoden wie Yoga, Atemarbeit, Bodyscan, achtsame Bewegung oder somatische Übungen können helfen, den Körper als Quelle der Selbsterkenntnis ernster zu nehmen. Gerade Menschen, die stark im Denken leben, profitieren oft davon, den Körper bewusster einzubeziehen.
5. Gespräche und Feedback
Selbsterkenntnis entsteht nicht nur allein. Andere Menschen spiegeln Verhaltensweisen, die einem selbst kaum auffallen. Ehrliches Feedback von vertrauten Personen kann blinde Flecken sichtbar machen.
Dabei ist wichtig, Feedback nicht unkritisch zu übernehmen. Andere Menschen sehen immer nur einen Ausschnitt. Dennoch können wiederkehrende Rückmeldungen wertvolle Hinweise geben, besonders wenn sie von unterschiedlichen Menschen ähnlich formuliert werden.
6. Psychotherapie, Coaching und Beratung
Professionelle Begleitung kann besonders hilfreich sein, wenn bestimmte Muster hartnäckig sind oder mit Leidensdruck verbunden sind. Psychotherapie kann helfen, biografische Prägungen, Beziehungsmuster, Ängste, Traumata oder innere Konflikte zu verstehen und zu bearbeiten.
Coaching eignet sich eher für Fragen der Orientierung, Entscheidung, beruflichen Entwicklung oder persönlichen Zielklärung. Beide Wege können Selbsterkenntnis vertiefen, unterscheiden sich aber in Zielsetzung, Tiefe und fachlichem Rahmen.
7. Persönlichkeitstests und Modelle
Persönlichkeitstests, Typologien und psychologische Modelle können Denkanstöße geben. Sie können Sprache für bestimmte Eigenschaften liefern und helfen, Unterschiede zwischen Menschen besser zu verstehen.
Gleichzeitig sollten solche Modelle vorsichtig genutzt werden. Sie sind Vereinfachungen und dürfen nicht zur Schublade werden. Ein Testergebnis ist kein endgültiges Urteil über einen Menschen, sondern bestenfalls ein Impuls zur Reflexion.
8. Kreative Methoden
Auch Kunst, Musik, Zeichnen, freies Schreiben, Träume oder Imagination können Wege zur Selbsterkenntnis sein. Nicht alles, was innerlich wichtig ist, zeigt sich sofort in klaren Begriffen. Kreative Ausdrucksformen können unbewusste Themen, Sehnsüchte oder Konflikte sichtbar machen, bevor sie rational verstanden werden.
Selbsterkenntnis bei alten Philosophen
Die Frage nach Selbsterkenntnis ist sehr alt. In der Philosophie der Antike spielte sie eine zentrale Rolle.
„Erkenne dich selbst“
Der berühmte Satz „Erkenne dich selbst“ stand am Apollon-Tempel von Delphi und wurde zu einem Leitmotiv der griechischen Philosophie. Gemeint war nicht nur psychologische Selbstanalyse, sondern auch die Erkenntnis der eigenen Grenzen. Der Mensch sollte wissen, dass er nicht Gott ist, nicht alles kontrollieren kann und Maß halten muss.
Selbsterkenntnis hatte hier also auch eine ethische Dimension: Wer sich selbst erkennt, erkennt seine Begrenztheit, seine Verantwortung und seinen Platz in der Ordnung des Lebens.
Sokrates: Das geprüfte Leben
Für Sokrates war Selbsterkenntnis eng mit dem philosophischen Gespräch verbunden. Er stellte Fragen, deckte Widersprüche auf und brachte seine Gesprächspartner dazu, ihre Überzeugungen zu prüfen. Sein berühmter Gedanke, dass ein ungeprüftes Leben nicht lebenswert sei, zeigt die Bedeutung kritischer Selbstbefragung.
Sokratische Selbsterkenntnis bedeutet: nicht einfach zu glauben, was man meint zu wissen. Sie fordert auf, eigene Meinungen, Werte und Gewissheiten zu untersuchen. Das kann unbequem sein, weil es Selbstbilder erschüttert. Aber genau darin liegt ihre Kraft.
Platon: Seele, Vernunft und innere Ordnung
Bei Platon ist Selbsterkenntnis mit der Seele verbunden. Der Mensch soll erkennen, welche Kräfte in ihm wirken: Begierden, Mut, Wille und Vernunft. Ein gutes Leben entsteht, wenn diese inneren Kräfte in eine stimmige Ordnung kommen und die Vernunft Orientierung gibt.
Selbsterkenntnis bedeutet bei Platon daher nicht nur Innenschau, sondern auch Ausrichtung auf das Gute, Wahre und Gerechte. Der Mensch soll nicht bloß wissen, was er begehrt, sondern prüfen, ob seine Begierden ihn wirklich zu einem guten Leben führen.
Aristoteles: Charakter und gutes Leben
Aristoteles betrachtete den Menschen als Wesen, das sich durch Gewohnheiten formt. Selbsterkenntnis zeigt sich daher auch im Blick auf den eigenen Charakter: Welche Tugenden sind entwickelt? Wo besteht Maßlosigkeit? Welche Handlungen führen zu einem gelingenden Leben?
Für Aristoteles ist Selbsterkenntnis praktisch. Sie soll helfen, klüger zu handeln. Nicht abstrakte Selbstanalyse steht im Vordergrund, sondern die Frage, wie ein Mensch durch Übung, Maß und vernünftige Entscheidung ein gutes Leben führen kann.
Die Stoiker: Innere Freiheit
Die Stoiker wie Epiktet, Seneca und Marc Aurel sahen Selbsterkenntnis vor allem als Weg zur inneren Freiheit. Zentral ist die Unterscheidung zwischen dem, was in der eigenen Macht liegt, und dem, was nicht in der eigenen Macht liegt.
In der eigenen Macht liegen Urteile, Haltungen, Entscheidungen und Handlungen. Nicht in der eigenen Macht liegen äußere Ereignisse, das Verhalten anderer, Besitz, Ruhm oder Krankheit. Selbsterkenntnis bedeutet hier, die eigenen Bewertungen zu prüfen und nicht zum Spielball äußerer Umstände zu werden.
Diese Perspektive ist bis heute wirksam. Viele moderne Ansätze der Selbstführung, Resilienz und kognitiven Therapie erinnern an stoische Gedanken.
Östliche Traditionen: Selbstprüfung und Selbstüberschreitung
Auch in indischen und buddhistischen Traditionen spielt Selbsterkenntnis eine große Rolle, allerdings oft mit einer anderen Akzentuierung. In den Upanishaden geht es um die Frage nach dem wahren Selbst, im Yoga um die Unterscheidung zwischen dem beobachtenden Bewusstsein und den Bewegungen des Geistes. Im Buddhismus wird wiederum die Vorstellung eines festen, unabhängigen Ichs kritisch untersucht.
Hier führt Selbsterkenntnis nicht nur zu einem besseren persönlichen Selbstbild, sondern auch zur Frage, ob das, was gewöhnlich als „Ich“ erlebt wird, vielleicht veränderlicher, abhängiger und weniger fest ist, als es scheint.
Chancen der Selbsterkenntnis
Selbsterkenntnis kann viele positive Wirkungen haben.
Sie kann helfen, bewusster zu entscheiden. Wer eigene Bedürfnisse und Werte kennt, richtet das Leben weniger stark nach Zufall, Gewohnheit oder fremden Erwartungen aus.
Sie kann Beziehungen verbessern. Wer eigene Reaktionsmuster erkennt, muss Konflikte nicht nur den anderen zuschreiben. Das ermöglicht mehr Verantwortung, Klarheit und Empathie.
Sie kann innere Freiheit fördern. Wer merkt, dass alte Glaubenssätze, Ängste oder Rollenbilder das Handeln bestimmen, kann beginnen, anders mit ihnen umzugehen.
Sie kann Krisen verstehbarer machen. Schwierige Lebensphasen werden nicht automatisch angenehm, aber sie können zu einer vertieften Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben führen.
Sie kann persönliches Wachstum ermöglichen. Selbsterkenntnis macht sichtbar, wo Entwicklung möglich ist: in Geduld, Mut, Abgrenzung, Selbstmitgefühl, Disziplin oder Wahrhaftigkeit.
Kritische Betrachtung: Grenzen und Risiken der Selbsterkenntnis
So wertvoll Selbsterkenntnis sein kann, so wichtig ist eine kritische Haltung. Nicht jede Beschäftigung mit sich selbst führt automatisch zu Klarheit.
1. Selbstanalyse kann zur Grübelschleife werden
Wer ständig über sich selbst nachdenkt, kann sich auch verlieren. Aus Reflexion wird dann Grübeln. Statt mehr Klarheit entsteht mehr Unsicherheit. Besonders problematisch wird es, wenn jede Regung analysiert, jede Entscheidung hinterfragt und jedes Gefühl bewertet wird.
Selbsterkenntnis braucht daher auch Bodenhaftung. Erkenntnis sollte nicht nur im Kopf kreisen, sondern zu mehr Lebendigkeit, Handlungskraft und Kontakt mit der Welt führen.
2. Das Selbstbild kann trügen
Menschen sind gut darin, sich selbst zu täuschen. Manchmal werden Motive nachträglich schön erklärt. Manchmal wird eigenes Verhalten entschuldigt, während das Verhalten anderer streng bewertet wird. Auch spirituelle oder psychologische Begriffe können genutzt werden, um unangenehme Wahrheiten zu vermeiden.
Deshalb braucht Selbsterkenntnis Korrektur: durch Erfahrung, durch ehrliches Feedback, durch konkrete Handlungen und durch die Bereitschaft, das eigene Selbstbild infrage zu stellen.
3. Persönlichkeit ist nicht alles
Manche Formen der Selbsterkenntnis überschätzen das Individuum. Nicht jedes Problem entsteht aus inneren Mustern. Auch soziale, wirtschaftliche, familiäre, körperliche oder politische Umstände prägen das Leben. Wer alles psychologisch deutet, übersieht leicht reale äußere Bedingungen.
Eine ausgewogene Selbsterkenntnis fragt daher sowohl nach inneren Anteilen als auch nach äußeren Rahmenbedingungen.
4. Selbstoptimierung kann Druck erzeugen
In der modernen Selbstentwicklung wird Selbsterkenntnis manchmal zur Selbstoptimierung. Dann geht es nicht mehr um Wahrheit, Reife oder Freiheit, sondern darum, ständig besser, produktiver, ruhiger, erfolgreicher oder attraktiver zu werden.
Das kann erschöpfen. Echte Selbsterkenntnis sollte nicht zu einem weiteren Leistungsprojekt werden. Sie darf auch zur Annahme führen: Nicht alles muss verbessert werden. Manches darf verstanden, integriert und mit Freundlichkeit betrachtet werden.
5. Erkenntnis allein verändert noch nicht das Leben
Zu wissen, warum ein Muster entstanden ist, bedeutet nicht automatisch, dass es verschwindet. Veränderung braucht Übung, Geduld, neue Erfahrungen und oft auch Unterstützung. Selbsterkenntnis ist ein Anfang, aber nicht immer die Lösung selbst.
Gerade tief eingeprägte Muster lösen sich selten durch Einsicht allein. Sie müssen im Alltag, im Körper, in Beziehungen und durch wiederholte neue Handlungen bearbeitet werden.
Ein ausgewogener Umgang mit Selbsterkenntnis
Ein hilfreicher Umgang mit Selbsterkenntnis verbindet Ehrlichkeit und Freundlichkeit. Ehrlichkeit bedeutet, sich nichts vorzumachen. Freundlichkeit bedeutet, sich dabei nicht zu verurteilen.
Du musst nicht alles an dir sofort verstehen. Es reicht oft, genauer hinzuschauen. Welche Situation berührt dich? Wo reagierst du stärker, als es der äußere Anlass erklären würde? Wo sagst du Ja, obwohl du Nein meinst? Wo hältst du an einem Bild von dir fest, das vielleicht nicht mehr stimmt?
Selbsterkenntnis wächst durch Geduld. Sie braucht Stille, aber auch Handlung. Sie braucht Innenschau, aber auch Begegnung. Sie braucht Mut, aber auch Humor. Denn der Mensch ist kein abgeschlossenes Rätsel, das einmal gelöst wird, sondern ein lebendiger Prozess.
Zwischenfazit
Selbsterkenntnis ist ein zentraler Weg zu einem bewussteren Leben. Sie hilft, innere Muster zu verstehen, Entscheidungen klarer zu treffen und Beziehungen reifer zu gestalten. Schon die alten Philosophen sahen darin eine Voraussetzung für Weisheit, Maß, Tugend und innere Freiheit.
Gleichzeitig ist Selbsterkenntnis kein Allheilmittel. Sie kann in Grübeln, Selbsttäuschung oder Selbstoptimierungsdruck umschlagen. Deshalb braucht sie eine ausgewogene Haltung: wach, kritisch, geduldig und mitfühlend.
Wer sich selbst erkennen will, muss nicht perfekt werden. Es geht vielmehr darum, wahrhaftiger zu leben: näher an den eigenen Werten, bewusster im Umgang mit anderen und freier gegenüber den inneren Automatismen, die das Leben unbemerkt bestimmen.
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Manchmal reicht eine kurze Geschichte, um lange Denkwege zu eröffnen. Die Erzählung von den fünf Etappen der Achtsamkeit gehört zu diesen stillen Texten, die weniger erklären als zeigen. Sie beschreibt keinen spektakulären Wandel, sondern eine schrittweise Verschiebung der Wahrnehmung – vom unbewussten Stolpern bis zur bewussten Wahl eines anderen Weges. Gerade darin liegt ihre Kraft: Sie berührt alltägliche Erfahrungen, ohne sie festzulegen, und lässt Raum für eigene Deutungen. Die folgenden Gedanken laden dazu ein, diese Geschichte als Spiegel zu lesen – für Gewohnheiten, innere Haltungen und die leisen Entscheidungen, aus denen persönliche Entwicklung entsteht.
Anfängergeist üben: Mit Shoshin zu mehr Selbsterkenntnis im Alltag
Es gibt Momente, da lohnt es sich, die mentale Brille einmal abzunehmen und das Gewohnte mit einem frischen Blick zu betrachten - nicht nur die Welt, sondern auch das eigene Innenleben. Genau hier setzt der Gedanke des "Anfängergeistes" (auf Japanisch Shoshin) an: eine Einladung, neugierig, urteilsfrei und offen zu bleiben - auch gegenüber sich selbst.
Wer diese Haltung kultiviert, entdeckt nicht nur ungeahnte Facetten der eigenen Persönlichkeit, sondern gewinnt Klarheit, wo bisher blinde Flecken dominierten. Der folgende Beitrag bietet fundierte Hintergründe und alltagstaugliche Impulse für alle, die sich selbst ernsthaft auf die Spur kommen möchten.
- Anregung für die kommende Woche -

Der Big-Five-Persönlichkeitstest (B5T) erfasst die fünf grundlegenden Persönlichkeitsdimensionen "Neurotizismus", "Extraversion", "Offenheit", "Gewissenhaftigkeit" und "Soziale Verträglichkeit" sowie die drei Grundmotive "Bedürfnis nach Anerkennung", "Bedürfnis nach Sicherheit" und "Bedürfnis nach Einfluss und Macht".
Das Big-Five-Modell gilt heute als das wissenschaftlich anerkannte Modell der Persönlichkeitspsychologie und hat ältere Typen-Modelle der Persönlichkeit abgelöst.
- Anregung für die kommende Woche -

Nehmen Sie sich diese Woche einmal 15 - 20 Minuten Zeit und setzen Sie sich vor einen Spiegel. Es reicht aus, wenn Sie nur Ihr Gesicht sehen.
Die Übung hat zwei Aspekte:
In den ersten Minuten achten Sie nur auf die Gedanken, die beim Betrachten Ihres Spiegelbildes auftreten. Bleiben Sie voll konzentriert, aber entspannt.
Bewerten Sie nicht, was Sie denken. Dafür bleibt später Zeit.
Dies ist der Selbsterkenntnis-Aspekt dieser Übung.
In der zweiten Hälfte der Übung (Sie sollten sich insgesamt schon mindestens eine Viertelstunde Zeit nehmen) achten Sie auf den Vorgang des Sehens an sich. Die Fähigkeit des Sehens ist ... ein Wunder. Widmen Sie dem Sehen einige Minuten Ihre volle Aufmerksamkeit.
Dies dient der Bewusstmachung und Schulung Ihres Seh-Sinnes.
Sie können die Übung noch um einen weiteren Aspekt ergänzen, wenn Sie ein Freund buddhistischen Gedankenguts sind ...

Wie geht es Dir, wenn ab und zu in Deinem Leben Probleme auftreten?
Hältst Du es wie viele andere Menschen und hast gleich eine ganze Reihe negativer Assoziationen und Gedanken im Kopf?
Oder siehst Du eher die Chancen, die Dir das Problem zeigen möchte?
Weiterlesen: Probleme - oft die "geheimen" Botschaften Deines Lebens!
Anregung für die kommende Woche
Kaufen Sie sich ein Notizheft und schreiben Sie eine Woche lang alle zwei oder drei Stunden 1 bis 2 Sätze dazu auf, wie es Ihnen in diesem Moment geht. Spüren Sie in sich hinein und versuchen Sie, Ihren inneren Zustand in Worte zu fassen. Hiermit schulen Sie Achtsamkeit, Selbsterkenntnis und verbessern den Umgang mit Ihren eigenen Gefühlen und Emotionen.
- Anregung für die kommende Woche -
Betrachten Sie diese Woche jeden Abend vor dem Zubettgehen Ihren Tag und stoppen Sie an den Stellen, wo Sie unzufrieden mit sich selbst waren. Verändern Sie dieses Geschehen im Geiste und spielen Sie es in Gedanken so durch, als wenn Sie in der jeweiligen Situation optimal agiert hätten. Dies ist eine wirkungsvolle Übung zur Persönlichkeitsentwicklung.
Wenn Sie eine schriftliche Vorlage für die Tagesrückschau (mitsamt Tagesplanung) wünschen, finden Sie diese kostenfrei hier.

- Anregung für die kommende Woche -

Holen Sie diese Woche doch einmal alte Fotos hervor. Entdecken Sie darauf Menschen, die bereits gestorben sind? Wie war ihr Verhältnis?
Nun stellen Sie sich vor, dass andere Menschen in der Zukunft Sie auf Fotos entdecken, wenn Sie nicht mehr hier auf Erden wandeln. Spüren Sie in sich hinein und fragen Sie sich: Wie sollen Ihre einstigen Weggefährten auf diese Foto-Begegnung mit Ihnen reagieren?
(entnommen aus: "Als wär’s das letzte Mal" von H.C. Meiser)
Wege zur Selbsterkenntnis und persönlichem Wachstum
Weiterlesen: Wege zur Selbsterkenntnis und persönlichem Wachstum
